Die ersten Flüchtlinge im zweiten Weltkrieg von Christoph Lenz

Abends wurden wir dann mit offenen Lkws abtransportiert. Es war heller Mondschein. Die erste Station war Bleckhausen im Kreis Daun. Ich bekam einen Schrecken als Brühels Liss vom LKW stieg. Sie hatte das Fahren wohl schlecht vertragen. Der helle Mondschein ließ ihr Gesicht noch blasser erscheinen. Wir bekamen unsere Quartiere zugeteilt. Die erste Nacht schliefen wir zu dritt in einem Bett. Tagsüber mussten wir in der Landwirtschaft helfen. Der junge Bauer musste auch Soldat werden, da wurde jede Arbeitskraft gebraucht. Die nächste Nacht schliefen wir mit einer größeren Gruppe, nicht nach Geschlechtern getrennt, im Schulsaal auf Stroh. Für uns Jungen war das immer noch ein Abenteuer. Wir wollten ja etwas erleben. Diese Unbilden nahmen wir noch gerne in Kauf. Von Bleckhausen wurden wir zum Bahnhof  Daun transportiert. Mit dem Zug ging es weiter nach Weißenturm am Rhein. Die Familie (Großvater, Mutter, Tina, Hubert und ich) bekamen ein Quartier in einer Villa. Es war aber nur für eine Nacht. Am nächsten Tag ging es weiter mit einem Sonderzug in den Harz.

Meistens kommen Sonderzüge nicht so schnell an ihrem Zielort an, weil sie Rücksicht auf den normalen Zugverkehr nehmen und daher oft auf Neben- oder Abstellgleisen warten müssen. Wir brauchten daher ziemlich lange und stiegen erst am nächsten Tag in Kreiensen aus. Kreiensen ist ein kleines Städtchen im Harz, aber ein wichtiger Bahnknotenpunkt. Unser neues Quartier war jetzt in einem Neubaugebiet in Billerbeck bei Kreiensen. Die Familie wurde aufgeteilt. Hubert und ich wohnten bei einer Familie, Großvater und Mutter waren zusammen und Tina war etwas weiter bei einer älteren Dame.

Billerbeck grenzt an Kreiensen. Die Schule, zu der wir gehen mussten, war in Kreiensen. Es war für unsere Begriffe, eine größere Schule mit acht Klassen. Wir kamen aus der einklassigen Volksschule in Elcherath. Winterspelt hatte damals eine Schule. mit zwei Klassen. In Kreiensen war ein Schwimmbad. Für uns etwas ganz Besonderes. 1939 waren im September noch einige schöne warme Tage und wir konnten noch ins Schwimmbad gehen. Von uns konnte noch keiner schwimmen.

 

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