Die ersten Flüchtlinge im zweiten Weltkrieg von Christoph Lenz

Am 1. September 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Mein Vater hatte 1938 schon eine Wehrübung in Baumholder machen müssen. Ende August 1939 wurde er eingezogen und musste mit Anderen in Habscheid die Bunker besetzen. Mein Bruder Hubert und ich besuchten ihn einmal mit dem Fahrrad. Er war sehr gerührt als wir kamen und er drehte sich um, damit wir die Tränen nicht sehen sollten. Er war auch im ersten Weltkrieg  Soldat und man hatte ihn jetzt zum Unteroffizier befördert.

Mein Vater fehlte natürlich in der Landwirtschaft. Die Ernte hatten wir größtenteils schon unter Dach. Um die weitere landwirtschaftliche Arbeit mussten Tina, Hubert meine Mutter und ich sich kümmern. Wir hatten damals zwei Pferde als Gespann. Für mich war das Anschirren die schwerste Arbeit. Die Pferde reckten ihre Hälse besonders hoch, wenn ich ihnen das Kummet anlegen wollte. Damals war ich noch keine 14 Jahre und hätte noch mehr Kräfte gebrauchen können. Manchmal half mir mein Onkel Pitter dabei. Er wohnte in der Nachbarschaft. Aber die hatten auch Landwirtschaft und um diese Zeit auch viel zu tun.

Am denkwürdigen  1. September kam dann auch der Befehl, dass wir flüchten mussten. Alle Kinder unter 14 und alle älteren und gebrechlichen Leute mussten zurück, wohin war noch unbekannt. Das Vieh und alles andere sollten wir zurück lassen. Tina war damals 15 Jahre und sollte mit anderen Dorfbewohnern zu Hause bleiben um sich um das Vieh zu kümmern. Meine Mutter wollte sie aber nicht alleine lassen. Sie fuhr also auch mit uns. Ebenso mein Großvater. Großmutter war im Mai 1939 gestorben. Diese Strapazen blieben ihr erspart.

Die Nachricht von unserer Rückwanderung kam im Laufe des Vormittags. Offiziell waren wir keine Flüchtlinge, sondern Rückwanderer. Wo war der feine Unterschied?

 

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